Gregors dritter Fasten-Wanderbericht

Unendlich jetzt!

Im Jetzt zu sein bedeutet auch in Abgründe zu schauen, die Fluchtbewegung einzustellen, die eigenen Vor-Stellungen aufzulösen. Jeden Tag neu zu leben ist die eigentliche Herausforderung dabei die Kontrollsucht abzubauen und die Angst vor der elementaren Unvorhersehbarkeit des Lebens umzuwandeln in Vertrauen. Das Jetzt hat keine Eigenschaften, noch stellt es Ansprüche oder Bedingungen – es ist immer vollständig. Das Jetzt ist die ewige Geburt einer ewigen Seele.
Roman Pachernegg

Als ich in St. Veit aus dem Bahnhof komme warten bereits Roman und Heinz Pachernegg auf mich. Wir wollen in den kommenden Tagen am Dokumentarfilm „Unendlich jetzt!“ arbeiten. Ich bin aufgeregt, hatte ich doch am selben Tag eine für mich so unglaubliche Erkenntnis. Am Morgen hatte ich das Lied von Eddie Vedder, „Rise up“ gehört und ein Satz elektrisierte mich richtiggehend: „I find my direction magnetically“ – Ich finde den eigenen Weg wie vom Magneten angezogen, werde sprichwörtlich selbst zum Weg werden, ohne einem System zu dienen.

Jahrelang war ich ohne Zieam längsee_ heinz pachernegg fotocreditsl unterwegs, ließ den Weg im Gehen entstehen, versuchte die neue Richtung stets wieder neu zu definieren aber ich war auch von inneren Abgründen und hartnäckigen Zweifeln geplagt, die mich zögern ließen wohin ich mich wenden sollte. Und nun diese Aussage von Eddie Vedder – ich war berührt.

St. Georgen am Längsee ist ein Zauberort! Als ich dort ankam funkelte der See unterhalb des Klosters im Abendlicht. Am Firmament türmten sich dunkle Regenwolken, im Vordergrund leuchtete das hohe Schilfgras am Seeufer in einem hellen Gelb. Ich spazierte auf den Holzsteg hinaus, die Umgebung warf Spiegelbilder in das tiefblaue Wasser und vom Kloster klangen die dumpfen Schläge der Kirchenglocken zu mir herüber.

st. georgen stift innenhofSt. Georgen ist ein großes Kloster, mit einem weiten Innenhof, einer für den Ort ungewöhnlich großen Stiftskirche und so ist es nicht verwunderlich, dass lange Gänge durch das Stift führen. Wenn es dunkel wird, erstrahlen überall die Lichter und Laternen und es kommt einem vor, man wäre in einem Schloss Zauberort längst vergangener Zeit!

Ich verbrachte drei Tage im Kloster. Wir filmten und philosophierten über die Magie des Augenblicks aber auch über die große Herausforderung im Vertrauen zu bleiben und dann fand in St. Georgen zur selben Zeit auch noch ein Fastentrainerkurs der GGF statt.

 

fastengruppe beim frühlingsspaziergangHans Peter Premur hielt einen beeindruckenden Vortrag über Fasten und Spiritualität und da ich diesmal selbst nicht fastete, verbrachte ich des öfteren gemütliche Augenblicke im Restaurant des Klosters. Große Glasfenster öffneten den Blick in den Garten und die Weite der malerischen Landschaft. Serviert wurden köstliche Spezialitäten aus der Region.

Die Fastenwoche im Kloster Bad Mühllacken kurz vor Ostern hatte in mir den Impuls wieder erweckt, achtsam und bewusst zu essen – ja es ist erstaunlich wie schnell ich mittlerweile satt bin nur weil ich langsam esse. Ich komme mit viel weniger Essen aus und ich achte noch viel mehr auf die Qualität der Speisen – möglichst biologisch und regional sollen sie sein und dann macht es natürlich auch noch einen Unterschied mit welchem Bewusstsein das Essen zubereitet wurde. St. Georgen war diesbezüglich für ein Restaurant ein wahrer Lichtblick.

Glücklich und erfüllt machte ich mich schließlich auf den Weg, um auf dem Hemmapilgerweg bis nach Gurk zu wandern. Die Pilgerwanderung wurde aber wider Erwarten zu einer großen Herausforderung. War ich doch schon tausende Kilometer zu Fuß durch die Welt unterwegs gewesen, so gilt es doch nicht in Hochmut zu verfallen und sich im Glauben zu wiegen, die 75 Kilometer bis Gurk wären ein Kinderspiel. Ich hätte es ja besser wissen müssen, denn eine Pilgerwanderung ist kein Spaziergang, vielmehr fördert sie auch emotionale und psychische Aspekte der eigenen Persönlichkeit zu Tage, die im Alltag leichter unter den Teppich gekehrt werden können. Die vorangegangenen Monate waren gelinde gesprochen intensiv und bewegt und so kam einiges an die Oberfläche – und dann kommt eben die Prüfung ob man bereit ist auch den letzten Schritt zu gehen oder eben doch vorher aufgibt.

Gleichzeitig spürte ich den fantastischen Impuls von einer Zeltnacht im Freien. Unweit der Wallfahrtskirche Maria Waitschach stellte ich in einem alten Fichtenhochwald, auf beinahe 1.200 Meter Seehöhe mein Zelt auf. Es war eine sternenklare und dementsprechend kalte Nacht, doch am Morgen kamen mir die Worte von John Muir wieder in den Sinn: „I am well again, I came to life in the cool winds and crystal waters of the mountains.“ „Es geht mir wieder gut, ich gewann mein Leben in den kalten Winden und den kristallklaren Gewässern der Berge wieder.“

auf dem weg nach friesachBeflügelt von einem unbändigen Gefühl der Freiheit flog ich über die Weite der Hochfläche, vorbei an romantisch gelegenen Bergbauernhöfen während mein Blick von den den schneebedeckten Gipfeln der Julischen Alpen über die Karawanken bis zur Saualpe reichte. Fast hatte ich das Gefühl schon in Gurk zu sein, doch die 40 Kilometer lange Tagesetappe hatte es schließlich doch noch in sich. Ab Friesach steig der Weg auf einer endlos verlaufenden Forststraße den Berg hinauf und am Bergrücken angekommen stapfte ich eine Stunde lang in knietiefem Schnee durch den Wald. Fast schon wollte ich aufgeben – doch dann gelang der Durchbruch und ich entschied mich, mit meiner Umgebung nicht mehr in Widerstand zu gehen. Plötzlich nahm der Tiefschnee, in dem ich bei jedem Schritt einen halben Meter eingesunken war ein Ende und über saftige Wiesen und durch Aulandschaften wanderte ich bis zum Gurker Dom.

Die Sonne war bereits untergegangen und etwas zögerlich läutete ich an der Klostertür. Schwester Gerda öffnete und meinte ich könne in der klösterlichen Pilgerherberge nächtigen. Eine Dusche nach zwei anstrengenden Wandertagen, ein gemütliches Bett – scheinbar so einfach und doch so unglaublich großartig!

die krypta in gurkAm nächsten Tag besuchte ich den Dom. Einer der mystischsten Orte ist die Krypta aus dem 11. Jahrhundert und darin speziell der Sarkophag der Heiligen Hemma. Er ruht auf drei Steinbüsten aus längst vergangenen Zeiten. Sie öffnen einen Freiraum unter dem Sarg – und ein alter Initiationsritus besagt wenn man sich dort durchzwängt und dann an einem Opferstein im Nebenraum Platz nimmt öffnet dies ein Tor in eine neue Welt. Natürlich musste ich das sogleich ausprobieren und verweilte, um die Wirkung zu verstärken, auch noch länger an dem Ort.

der sarkophag der heiligen hemmaAls ich aus dem Dom wieder an die Sonne hinaustrat kamen mir die Worte von Alexis Zorbas in den Sinn: „Alles kracht zusammen, komm’ lasst uns tanzen!“ Es lebe die Leichtigkeit und die Freiheit – die Transformation ist geglückt. Seither folgt Wunder auf Wunder, der Weg entsteht wie von selbst, er entfaltet sich, die Zweifel schwinden und das Vertrauen wächst – ist doch das Jetzt eine ewige Geburt einer ewigen Seele, voller Überraschungen und voller Zauber!

Eben habe ich noch ein Email von Roman Pachernegg, dem Filmemacher, erhalten, das er mit den Worten von Rainer Maria Rilke abschließt: „Es handelt sich darum, alles zu leben.“ Und er führt weiter aus: „Ich selbst bin zwar noch weit davon entfernt aber der Gedanke fasziniert mich“ – ich kann ihm nur beipflichten.

ich am längsee_ heinz pachernegg fotocredits
fotocredits Heinz Pachernegg